Der Lostret-Arbeitstreff

23. März 2007

Eine schreckliche Gespensterdebatte ist das, die zur Zeit wieder anschwillt, und als Bewohner der besonders betroffenen Netzwelt fühle ich mich dabei direkt angesprochen. Es geht um die “Rettung” der deutschen Sprache und die Bekämpfung des denglischen Sprach-Mischmasch. Man möchte eine Quote für deutschsprachige Musik im Radio oder besser noch ein Gesetz zur Verhinderung von Anglizismen.

Dabei wird immer gerne neidisch nach Frankreich geschielt, wo es eine solche staatliche Sprachquote schon seit einigen Jahren gibt. Nur: Frankreich ist eben nicht Deutschland. Nichts gegen die Franzosen, aber ich habe dort schon erwachsene Menschen heulen sehen, weil “Le President” gestorben ist. Das ist eine Art von Patriotismus, die wir nicht wirklich brauchen. Das gönnen wir mal schön den anderen. Bei uns ist der Kanzler oder die Kanzlerin ein normaler Mensch und kein kleiner König - und das ist auch gut so.
Was die Sprache betrifft: Es ist ja keineswegs so, dass wir originär deutsche Dinge auf Krampf ins Englische übersetzen weil wir das so cool finden. Die meisten Anglizismen bezeichnen Dinge, Ideen oder Konzepte, die wir vorher schlichtweg nicht kannten und die im englischen Sprachraum entstanden sind. Hätten wir selbst den Browser erfunden, dann würde er eben Navigator heißen, wie die Stiftung deutscher Sprache vorschlägt. Haben wir aber nicht. Genausowenig wie die neue “Coffee to go” Kultur oder vieles andere.
Umgekehrt sind deutsche Innovationen wie Kindergarten, Zeitgeist oder Blitzkrieg ja durchaus auch in den englischen Sprachraum gelangt.

Die Diskussion über die Sprache ist müßig und lenkt nur vom eigentlichen Problem ab. Es ist ein sinnloses Aufbäumen gegen die vermeintliche Überlegenheit der amerikanischen “Siegerkultur”, wie man das in einer ARD-Doku zum Thema neulich ganz ohne Hemmungen genannt hat. Wenn wir die Erfindungen von anderen krampfhaft eindeutschen, lügen wir uns nur selbst in die Tasche. Dadurch werden die Dinge nicht “deutscher”. Wir sollten die Welt lieber mit deutschen Ideen verblüffen.

Ich jedenfalls habe keine Lust, an einem Lostret-Arbeitstreff teilzunehmen.

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3 Kommentare zu “Der Lostret-Arbeitstreff”

  1. 01

    Hi.
    Wenn ich immer höre , das unsere Nachbarländer das schon haben geht mir die Hut Schnur durch.
    Gerade die Franzosen.
    Was haben die schon??
    Außer Rauchverbote und den Eifelturm??

    Klaus am 24. März 2007 um 16:54
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  2. 02

    Ich finde schon, dass die ‘ne ganze Menge haben. Aber man kann diesen Kulturpatriotismus nicht zwangsläufig auf Deutschland übertragen. Und Rauchverbote haben wir ja bald auch ;-)

    Christian Münch am 24. März 2007 um 17:39
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  3. 03

    Es ist ausserdem total unpraktisch, statt Computer ordinateur und statt Software logiciel zu sagen. Ist auf Dauer unkompatibel mit dem internationalen Sprachmisch.

    Ich find\’s voll OK, dass wir unseren Wortschatz durch englische Begriffe erweitern. Auf Englisch als Weltsprache hat man sich ja durch Duldung sowieso schon geeinigt.

    Jesus Presley am 25. März 2007 um 14:40
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